Brauchtümer

Wie in jeder Region gibt es auch in Norden und Ostfriesland Hunderte Jahre alte Brauchtümer, die bis heute gepflegt werden. Dies geschieht nicht zuletzt dank des Einsatzes von Heimatvereinen und anderen Verbänden und Institutionen (wie die Ostfriesische Landschaft in Aurich), die dafür sorgen, dass die Bräuche nicht in Vergessenheit geraten.

Paaskefür, Osterfür

So ist das „Paaskefür“ oder „Osterfür“ (Osterfeuer) im Frühjahr zum Beispiel traditionell ein alter Brauch, um den Winter auszutreiben. Es wird meistens von Freiwilligen Feuerwehren, Dorfgemeinschaften und Sportvereinen ausgerichtet. Schon früh im Jahr beginnen Ehrenamtliche damit, mit Traktoren und Anhängern Strauchschnitt und Äste bei den Bürgern einzusammeln und diese auf riesige Haufen zu schichten. Am Ostersonnabend werden diese Osterfeuer dann – sehr zur Freude der Einheimischen und Gäste – in der Dämmerung angezündet. Zum Schutz vor Kälte und Nässe werden für die Teilnehmer oft Anhänger und Viehwagen mit Strohballen bestückt, sodass sich das Spektakel von dort aus gemütlich beobachten lässt. Natürlich stoßen die Besucher mit einem Bier oder anderen Getränken auf den Frühling an, und mit Gegrilltem wird dazu noch ein kleiner Imbiss geboten. Die Kinder dürfen sich auf den Osterhasen freuen, der sie mit Süßigkeiten und bunt bemalten Eiern überrascht.

Eierbicken, Eiertrüllen

Der Ostersonntag wird bei den Ostfriesen auch als „Hicken-Bicken-Sönndag“ bezeichnet und ist bei Kindern der schönste Tag an den Osterfeiertagen. Die Mädchen und Jungen sammeln bei der legendären morgendlichen Ostereiersuche (bei gutem Wetter immer im Freien) die vielen bunten Eier ein und legen sie in hübsche Körbchen. „Hicken-Bicken“ nennt sich der kleine Zweikampf zwischen zwei Personen. Jede von ihnen hat ein Osterei in der Hand und muss nun beim „Bicken“ versuchen, das Ei des Gegenübers kaputtzumachen. Verloren hat derjenige, dessen Ei beschädigt wird. Ein weiterer Spaß am Ostersonntag ist das „Eiertrüllen“ und das „Eiersmieten“. Beim „Eiertrüllen“ treffen sich die Kinder möglichst auf einer Erhöhung (Deich oder Hügel), um von dort aus die bunten Ostereier herunterrollen (trüllen) zu lassen. Geht die Schale eines Eis dabei zu Bruch, muss es vor Ort gegessen werden. Beim „Eiersmieten“ treffen sich die Kinder auf einer Wiese oder auf dem Rasen und versuchen, die Eier im Wettkampf möglichst weit zu werfen.

Brautpfade

Das Legen des Brautpfades am Himmelfahrtsmorgen ist ein weiterer traditionsreicher Brauch in Ostfriesland. Dieser ist auf eine dramatische Legende zurückzuführen: So soll eine Tochter des ostfriesischen Fürstenhauses in Aurich am Tag der Hochzeit auf ihren Bräutigam gewartet haben. Dieser fiel aber einem Anschlag einer seiner Rivalen zum Opfer und wurde ermordet.
Als nun die wartende Braut die Nachricht vom Tode ihres Geliebten erhielt, starb sie kurz darauf an Trauer und Verzweiflung.
Beide Brautleute wurden gleichzeitig auf dem Pfad mit den für die Hochzeit verstreuten – mittlerweile aber verwelkten – Blumen zu Grabe getragen.

Maibaum

Aufstellen eines mit bunten Papierrosen und Flatterbändern geschmückten Maibaumes am Abend des 30. April. Dieses Ereignis, das auch mit dem sogenannten Tanz in den Mai verbunden wird, wird in der Regel von Dorfgemeinschaften, Sportvereinen, Freiwilligen Feuerwehren, Landjugendgruppen und anderen Verbänden organisiert. Bevor es soweit ist, muss einige Wochen vorher ein frischer Baum gefällt, von der Rinde befreit und trocken gelagert werden. So verliert der Stamm seine Feuchtigkeit und damit auch an Gewicht, womit das Aufstellen später erleichtert wird. Der Stamm wird kurz vor dem 30. April mit Girlanden aus frischem Tannengrün (bestückt mit den Papierrosen und Flatterbändern sowie häufig auch mit Lichterketten) umwickelt, bevor ganz oben ein Tannenkranz befestigt wird und der Maibaum auf der Spitze einen blühenden Birkenstrauch erhält. Das ist der Moment, wo mit dem Tanz um den Maibaum die fröhliche Maifeier eingeläutet wird. Doch Vorsicht: Sobald das bunte Gebilde steht, muss besonders darauf Acht gegeben werden, denn ein Fremder hat bis zum Sonnenaufgang Zeit, es zu stehlen. Nur drei Spatenstiche um den Baum herum sind notwendig, dann gilt der Maibaum als gestohlen und der „Dieb“ darf ihn mitnehmen. Stehlen kann den Baum aber nur derjenige, der auch selbst über einen eigenen Maibaum verfügt. Also muss der Prachtbaum von den eigenen Leuten die ganze Nacht über bewacht werden. Gelingt es „Dieben“ dennoch, den Baum an sich zu bringen, müssen die „Bestohlenen“ ihn im Rahmen einer Feier (mit Speisen und Getränken) wieder auslösen.

 

Alte Schachtel oder alte Socke

Bestimmte Geburtstage werden in Ostfriesland ebenfalls auf besondere Weise gefeiert, dies gilt für runde Geburtstage sowie auch dann, wenn jemand 25 Jahre alt wird. Wie zu anderen Anlässen, binden die Ostfriesen auch hier mit viel Kreativität, Herzblut und Mühe bunte Bögen, die am Haus oder auf dem Grundstück des Jubilars angebracht oder aufgestellt werden.

Je nach Geschlecht erhalten die „Geburtstagskinder“, die an ihrem 25. Geburtstag noch ledig sind, von ihren Angehörigen und Freunden Schachtel- oder Sockenkränze. Frauen dürfen sich über Girlanden aus leeren Zigarettenschachteln freuen und gelten nun als „alte Schachteln“, die Männer werden dagegen mit alten Socken bedacht und auch als „alte Socke“ betitelt. Mit dieser Aktion soll der Öffentlichkeit gezeigt werden, dass dort noch ein Junggeselle oder eine Junggesellin lebt und auf die große Liebe wartet. Gelingt es den Betroffenen nicht, bis zum 30. Geburtstag zu heiraten, folgt zum 30-Jährigen ein weiterer, kurioser Brauch für alle Junggesellen und Jungesellinnen…

Klinkenputzen und Fegen

Wer bis zu seinem 30. Geburtstag noch nicht unter der Haube ist, der muss erneut mit kuriosen Brauchtums-Aktionen rechnen. Verwandte und Freunde bringen diesen Jubilaren zwar den bekannten „Bogen“, doch dieser ist diesmal mit bestimmten Pflichten verbunden: Ledige Frauen werden aufgefordert – oft in lustiger Verkleidung – „Klinken zu putzen und ledige Männer müssen sich dem „Fegen“ unterwerfen”. Die weiblichen Geburtstagskinder müssen zunächst viele an eine Holztür geschraubte Türklinken säubern, die zuvor von der fröhlichen Gesellschaft eifrig beschmutzt wurden. Die Frauen müssen solange putzen, bis sie von einem jungen Mann auf die Wange geküsst und somit erlöst werden. Ähnlich ist das Ritual bei den männlichen, ledigen 30-Jährigen. Sie werden – ebenfalls verkleidet – häufig mit einem speziellen Gefährt von zu Hause abgeholt und zum Rathaus gebracht. Vor dem örtlichen Rathaus werden sie dann aufgefordert, viele bunte Kronkorken, die vorher dort verstreut wurden, zusammenzufegen. Die Umstehenden sorgen natürlich, dafür, dass die Geburtstagskinder nicht so schnell fertig werden und schütten solange die Flaschendeckel aus, bis ein jungfräuliches Mädchen den „armen 30-Jährigen“ mit einem Küsschen auf die Wange befreit. Anschließend wird natürlich sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern kräftig gefeiert.

 

 

 

Boogmaken

Die Ostfriesen finden immer ein Grund, um in trauter Gemeinschaft zusammenzusitzen und zu feiern. So wird zum Beispiel seit jeher der Brauch des „Boogmakens“ (Bogenmachen) gepflegt. Anlässe dafür gibt es genug: Einzug ins traute Heim, grüne, hölzerne, silberne, goldene oder diamantene Hochzeit, runde Geburtstage, Ankunft des Babys, Firmenjubiläen, Eintritt in den Ruhestand, bestandene Prüfungen und, und, und.

In erster Linie sind die direkten Nachbarn für das „Boogmaken“ zuständig. Die Anwohner kommen dann zusammen, um einen prachtvollen Bogen herzustellen. Dabei bauen die Männer ein Gestell aus Holzlatten und Tannengrün, während die Frauen bunte Rosen und Blumen aus Papier und Krepp basteln, und zwar passend zum Jubiläum des Empfängers: also bunte Blumen zur grünen Hochzeit, silberne zur Silberhochzeit oder Holzraspelspäne zur hölzernen Hochzeit. Anschließend wird der Bogen rund um den Hauseingang befestigt.
Für den Türbogen ist übrigens immer die Nachbarschaft zuständig, während die Angehörigen, Freunde und Bekannten ihre Bögen, Herzen, Hufeisen und Ähnliches im Garten aufstellen. Die Jubilare bedanken sich anschließend bei den Boogmakers mit ein paar Runden Korn. Einige Zeit später wird der Bogen dann abgefeiert, wobei die Boogmaker noch mal kommen und zu Speis und Trank eingeladen werden.

Hochtied in Ostfreesland

Hochzeiten sind ebenfalls etwas Besonderes in Ostfriesland. Zu Ehren des Brautpaares schmücken die Nachbarn den Hauseingang des Brautpaares mit einem glanzvollen Hochzeitsbogen. Doch bevor dieser angebracht wird, müssen die Brautleute erst mal ihren „Junggesellenabschied“ feiern. Dazu statten die Freunde, Verwandten und Bekannten dem jungen Paar einen spontanen Besuch ab und entführen die Verliebten zu einer zünftigen Party. Getrennt, versteht sich, das heißt, die Männer verbringen den Abend mit dem Bräutigam und die Frauen mit der Braut. Oft müssen die Betroffenen dazu in komische Kostüme schlüpfen und allerlei Blödsinn über sich ergehen lassen. Für die Unkosten an diesem Abend kommt
die jeweilige Gruppe auf.

Hat das Brautpaar den Junggesellenabschied überstanden, sieht es gleich der nächsten vorehelichen Party entgegen: dem Polterabend. Nach dem Motto „Scherben bringen Glück“ treffen sich die Nachbarn, Angehörigen, Freunde und Bekannten in der Regel zwei Tage vor der Vermählung, um dem Brautpaar Glück zu wünschen. Zunächst werden die vorbereiteten Bögen angebracht und aufgestellt, bevor die Gäste dann allerlei Porzellan wie Tassen, Teller, Becher oder Ähnliches auf den Boden werfen. Die Brautleute müssen die Scherben nun mit dem Besen zusammenfegen. Dabei wird von den Umstehenden darauf geachtet, dass das Paar lange genug zu tun hat, das heißt, die aufgefegten Scherben werden mit großem Spaß immer wieder neu auf dem Boden verteilt.

Mancherorts wird am Polterabend um Mitternacht dann zum Schluss im Garten eine Flasche vergraben, wobei zudem noch ein BH der Braut und eine Hose des Bräutigams verbrannt werden, bevor die Brautleute auch die Asche der Kleidungsstücke einbuddeln müssen. Nach einem Jahr wird die Flasche dann gemeinschaftlich wieder ausgegraben und der Inhalt gemeinsam genossen. Am Hochzeitstag, wenn alle Gäste sich im Festsaal eingefunden und das Festmahl eingenommen haben, werden die Brautleute im Lauf der Feier immer wieder durch das Schlagen der Gäste mit dem Löffel an die Gläser dazu aufgefordert, sich zu küssen. Erst wenn sich das Paar küsst,hört das Klirren („Klötern“) auf. Um Mitternacht versammelt sich die ganze Hochzeitsgesellschaft auf der Tanzfläche, um den „Schleiertanz“ zu verfolgen. Dazu wird der Schleier der Braut von den Männern über das tanzende Brautpaar gehalten. Sobald das Lied endet, wird der Schleier von den Umstehenden zerrissen und jeder Gast versucht, das größte Stück als Andenken an die Hochzeit zu ergattern. In der Regel endet die Hochzeitsfeier mit dem Kerzentanz. Dazu tanzt das Brautpaar im Kreis der Gäste auf der nur mit Teelichtern beleuchteten Tanzfläche. Wer jetzt immer noch nicht müde ist, der trifft sich dann auf Einladung des Hochzeitspaares noch zu Hause bei den Brautleuten zum „Spiegelei eten“.

Puppvisit/Kinnertön

Wenn in Ostfriesland ein Kind das Licht der Welt erblickt, sind alle Verwandten, Nachbarn und Freunde eingeladen, den neuen Erdenbürger zu begrüßen. Dieser Baby-Besuch wird auf Plattdeutsch als „Puppvisit“ (Pupp steht für Baby und Visit für Besuch) bezeichnet. Dabei schenken die frischgebackenen Eltern ein traditionelles Getränk aus: „Bohntjesopp“, „Sinbohntjesopp“ oder „Kinnertön“ beziehungsweise „Brannwien mit Rosinen“. Dabei handelt es sich um ein hochprozentiges Naschwerk aus Rosinen, Branntwein und Kandis, das sofort angesetzt wird, wenn das Kind geboren wird. In der Regel werden die jungen Eltern auch durch Girlanden mit Babystramplern, Söckchen und anderen Babyutensilien vor dem Haus überrascht.

Richtfest

Den Hausbau nutzen die Ostfriesen für das Pflegen eines weiteren Brauchtums: Gemeint ist das Richtfest. In Ostfriesland ist es nämlich üblich, dass die Nachbarn kurz vor der Fertigstellung des Dachgerüsts einen Holzbalken stehlen, den die Bauherren und die Nachbarn dann später zusammen suchen – im Rahmen einer Feier, versteht sich. Früher wurden die Nachbarn zum Richtfest eingeladen als Belohnung dafür, dass sie bei der Suche geholfen hatten. Heutzutage laden die Bauherren Nachbarn, Familie und Freunde rechtzeitig zum Richtfest ein, wobei der genannte Balken nur noch zeremoniell am Dach des Hauses angebracht wird. Dabei schlägt der Bauherr dann den letzten Nagel ein. Auch der Richtkranz – mit dem sich der Bauherr bei den am Bau beteiligten Handwerkern und anderen Helfern bedankt – wird am Dach befestig

 

 

Ostfriesische Teezeremonie

Das Nationalgetränk der Ostfriesen ist der Ostfriesentee. Dabei handelt es sich um eine spezielle, kräftige Teemischung, wobei der Assam die Basic bildet. Mehrfach am Tag wird in der Küstenregion zur gemütlichen Teestunde gebeten: morgens zum Frühstück, vormittags, nach dem Mittagessen, wenn Besuch kommt, zum Abendbrot und oft sogar noch vor dem Schlafengehen. Dabei wird der Tee nicht einfach nur getrunken, sondern seine Einnahme wird geradezu zelebriert. Und weil diese ostfriesische Kultur – mit der Zubereitung, der Art des Teetrinkens und dem Genießen des leckeren Heißgetränkes – weltweit einzigartig ist, ist sie als immaterielles Kulturerbe in die UNESCO-Bundesliste eingetragen worden. Die ostfriesische Teezeremonie beginnt mit der Zubereitung: In eine Teekanne werden so viele Teelöffel Tee gegeben und mit kochendem Wasser übergossen, wie Personen am Tisch sitzen. Nun muss das Getränk fünf Minuten ziehen.

 

 

In dieser Zeit wird auf die Teetassen „Kluntje“ (Kandis) verteilt. Wenn nun der Tee in die Tasse fließt, ist das typische Knistern des „Kluntje“ zu hören, der bei dem heißen Überguss zerspringt. Die Tasse wird auch nur bis zur Hälfte befüllt, sodass die Kluntje-Spitze noch herausragt. Nun folgt die Sahne, die mit einem speziellen „Rohmlepel“ (Sahnelöffel) entgegen dem Uhrzeigersinn vorsichtig am Tassenrand auf den Tee gegeben wird, um dann das typische „Wulkje“ (Wolke) zu bilden. Auf der Untertasse liegt zwar ein Löffel, dieser wird aber nicht zum Umrühren des Tees verwendet, denn die Ostfriesen genießen ihr Lebenselixier pur: von der sahnigen Oberfläche über den kräftigen Tee bis zum süßen Abschluss. Dreimal ist Ostfriesenrecht, das heißt, dreimal wird der Tee (jeweils mit der Zugabe eines weiteren Löffels Tee) wieder aufgegossen und ausgeschenkt. Wer dann noch Tee möchte, muss sich mit „Ofsuupsel“ – also verwässertem Tee – begnügen, denn nun wird die Kanne nur noch mit Wasser aufgefüllt. Wer keinen Tee mehr möchte, legt wortlos den Löffel in die Tasse.

 

Elführtje

Ein geselliger Brauch in Ostfriesland ist das „Elführtje“ (Pause um 11 Uhr). Bei vielen Ostfriesen ist das ein festes Ritual im Alltag, besonders auch bei den Älteren, die auch die Zeit dazu haben. Traditionell genießen sie dann ihren beliebten Ostfriesentee, der für sie ein Lebenselixier ist. Häufig kommen um die Uhrzeit auch Nachbarn zum „Klönen“ vorbei, um Neuigkeiten auszutauschen.

Bei Gruppenveranstaltung wie „Boßeln“, „Klootscheten“ oder „Bessensmieten“ wird das „Elführtje“ gern auch herangezogen, um sich einen Schnaps zu gönnen.

Boßeln

Nationalsport der Ostfriesen ist das „Boßeln“. Dieser Mannschaftssport wird auf der Straße ausgetragen. Hier treten in der Regel zwei Mannschaften von Boßelvereinen gegeneinander an. Dabei hat jeder Werfer zehn Würfe, die er hintereinander auf einer Strecke wirft. Der Boßler, der nach Ablauf der zehn Würfe die meisten Meter erzielt hat, hat gewonnen.

Geboßelt wird in der Regel mit einer Kunststoff- oder auch Gummikugel. Die Kunststoffkugel hat inzwischen die frühere Pockholzkugel ersetzt, die heute nicht mehr verwendet wird. . Im Friesischen Klootschießer-Verband ist nur noch die Kunstoffkugel, in drei verschiedenen Größen erhältich ist, zulässig sowie die 4-Punkt-Gummikugel (zwei unterschiedliche Größen). Die Kugeln kosten zwischen 30 und 42 Euro.

Beim Wettkampf nimmt der jeweilige Werfer Anlauf und holt mit dem Arm, in dem er die Kugel hält, weit nach hinten aus, bevor er die Kugel mit einem Absprung mit hoher Geschwindigkeit auf die Straße wirft. Hier ist Genauigkeit gefragt, denn die Kugel soll ja möglichst weit und lange auf der – zum Teil unebenen und auch kurvigen – Straße rollen, bevor sie ins Aus geht.

Geboßelt wird meistens auf Kreis- und Landstraßen. Den Anwurf übernimmt der jeweilige Gastgeber. Nach den Anwürfen beim Start folgen die weiteren Abwürfe an den Stellen, wo die Kugeln die größten Weiten erreicht haben. Die jeweils zurückliegende Kugel wird im weiteren Verlauf zuerst geworfen. Gelingt es der zurückliegenden Mannschaft erneut nicht, an der gegnerischen Kugel vorbeizukommen, erhält der Gegner einen „Schöt“ (Wurf/Schuss). Kugelaufnahmepunkte und die Wiederanwurfstellen sind zu markieren. Sobald die Kugel der zurzeit führenden Gruppe vollständig die Wende- oder Zielmarkierung überschritten hat, darf die im Rückstand liegende Gruppe nicht mehr werfen. Bei der Wendemarkierung wird umgeholt, die Gruppen tauschen dann die Abwurfstellen.

Der Boßelsport hat sich seinerzeit aus dem Klootschießen entwickelt. Zum einen brachte das Klootschießen, das im Winter auf frostigen Wiesen ausgeübt wird, eine schwere Technik mit sich, die nicht von vielen beherrscht wurde. Und zum anderen wurde wahrscheinlich der Boßelsport als Ausgleichsspiel eingeführt, da man mangels Frostwetter auf das Klootschießen verzichten musste.

Klootscheten

Das „Klootscheten“ (Klootschießen) wird im Winter auf gefrorenen Feldern ausgerichtet. Hier befördern die „Klootscheter“ (Klootschießer) nach einem weiten Anlauf und dem Absprung von einem entsprechenden Brett eine 475 Gramm schwere Kugel oft 100 Meter weit durch die Luft, wobei sie dann auf dem Boden noch 50 bis 80 Meter weit „trüllert“ (rollt). Bevor der Klootschießer allerdings anläuft, werden die Zuschauer mit einem Signal gewarnt.

Der traditionell bedeutendste Feldkampf ist der Klootschießer-Feldkampf zwischen Ostfriesland und Oldenburg, in dem die alte Rivalität sportlich ausgetragen wird. Aber auch einzelne Dörfer tragen Kämpfe aus; als Zeichen der Herausforderung wird in der Dorfgaststätte eine geschmückte Klootkugel an einem Bindfaden aufgehängt. Wenn der Gegner die Kugel abreißt, gilt der Kampf als angenommen, die Bedingungen werden ausgehandelt, und schon wenige Stunden später kann es losgehen

Das Klootschießen (ebenso wie das Boßeln) hat eine durch Urkunden belegte Tradition von 400 bis 500 Jahren.

Bessensmieten

Lässt die winterliche Witterung das Boßeln und Klootscheten nicht zu, wenden sich die Ostfriesen in ihrer Freizeit gern dem „Bessensmieten“ (Besenwerfen) zu. Ziel dieses Mannschafts-Spiels ist, einen Reisigbesen ohne Stiel auf der Straße so weit wie möglich zu werfen. Der Spielablauf und die Bewertung funktionieren wie beim Boßeln. Während beim Boßeln allerdings der Sieg einer Mannschaft im Vordergrund steht, so überwiegt beim Besenwerfen der Spaßfaktor. Die Werfer verlieren häufig durch zu großen Übermut die Kontrolle über die Wurfrichtung – und solche umjubelten Aktionen müssen natürlich sofort gefeiert werden. Dazu wird gern ein Bollerwagen mit Schnaps, Bier, Glühwein und anderen kleinen Stärkungen mitgeführt. Am Ende der Veranstaltung kehren die „Bessensmieter“ dann in eine Gaststätte ein, um hier bei einem deftigen Essen und Hochprozentigem weiterzufeiern.

Pulsstock-Springen

Eine weitere sportliche Besonderheit in Ostfriesland ist das „Pulsstock- oder Paddstock-Springen“ (Springstock). Hierbei handelt es sich um einen langen Stab, mit dem die Ostfriesen früher die vielen Wassergräben überwanden, ohne sich dabei nasse Füße zu holen. Somit galt der „Pulsstock“ auch als eine Art Verkehrsmittel. Heute gehört diese sportliche Aktivität zu Freizeitaktionen, die immer wieder viele Zuschauer anlockt.

Schlickschlittenrennen

Das Schlickschlittenrennen ist an der ostfriesischen Küste ein Freizeit-Wettkampf, der im Watt ausgetragen wird. Dabei stehen die hölzernen Schlickschlitten, die früher von den Fischern genutzt wurden, um bei Ebbe zu ihren Reusen zu kommen, im Mittelpunkt dieser unterhaltsamen Aktion. Die Akteure gehen meistens verkleidet an den Start, denn die Kostüme werden bei dieser Veranstaltung bewertet.

Mitmachen können Sportvereine, Firmen, Einheimische, Touristen und alle anderen, die sich dafür interessieren. Nun gilt es, sich in verschiedenen Disziplinen zu beweisen (Schnellster Schlickschlittenfahrer, Sprint, Reusenlauf, Schlickschlitten-Staffellauf, Aalsprint, Wattfußball und andere) zu beweisen. Dabei gibt es jede Menge Spaß, denn die Aktionen im Watt sind kräftezehrend und vor allem – sehr zur Freude der vielen Zuschauer – schmutzig. Die Teilnehmer sind nämlich zum Schluss alle von oben bis oben so sehr mit Schlick besudelt, dass sie danach die Dusche geradezu herbeisehnen.

Sünnermarten

Mit Einbruch der kalten Jahreszeit steht eine weitere Tradition in Ostfriesland an, auf die vor allem die Kinder nicht verzichten mögen: „Sünnermarten“ oder Martini. Am Abend des 10. November ziehen die Mädchen und Jungen – oft verkleidet – und mit liebevoll gestalteten Laternen („Kippkappkögel“) in der Hand von Haus zu Haus, um zu Ehren von Martin Luther, dem Reformator der evangelischen Kirche aus dem 18. Jahrhundert, die Menschen mit verschiedenen Martiniliedern (wie „Martinus Luther war ein Christ“, „Mit Kippkappkögels kom’ wi an“ oder „Mien lüttje Lateern“), zu erfreuen. Zur Belohnung gibt es dann Süßigkeiten für die kleinen Sänger.

Häufig ziehen die Kleinen aus den Kindergärten schon ein paar Tage vor dem 10. November mit ihren selbst gebastelten Laternen bei Eintritt der Dunkelheit in Gruppen durch die Dörfer und Städte – begleitet von den Eltern, Großeltern und anderen Helfern.

Die „Kippkappkögel“ wurden früher noch aus ausgehöhlten Runkelrüben hergestellt, in die man eine brennende Kerze setzte. Diese wurden vorwiegend von den Mädchen getragen, während die Jungen sogenannte „Rummelpotten“ dabei hatten. Diese bestanden aus einem Behälter, über den stramm ein Stück eingeweichte Schweinsblase gezogen wurde. In der Mitte der Schweinsblase wurde ein Stück Spanisches Rohr (Schilfgras) befestigt. Nun wurde mit der feuchten Hand an dem Rohr gerieben, sodass ein Ton entstand, der allerdings nicht unbedingt ein Ohrenschmaus war. Heute bringen Heimatvereine den Kindern noch bei, wie man Kippkappkögels und Rummelpotten baut, damit diese Tradition nicht in Vergessenheit gerät.

Verknobelung

Am Vorabend des Nikolaus-Tages, also am 5. Dezember, wird in Ostfriesland ein weiteres Brauchtum gepflegt, nämlich das Verknobeln. Hierauf freuen sich Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Vereine, Gastwirte und Bäcker laden die Bevölkerung dazu ein. Die Teilnehmer können Sahnetorten, Mettwürste, Puten, Süßes und Ähnliches gewinnen. Der höchste Einsatz und der höchste Preis für die Gewinne sind dabei gesetzlich festgelegt, damit das Verknobeln Brauchtum bleibt und nicht zum Glücksspiel wird.

Geknobelt wird mit drei Würfeln die im Würfelbecher ordentlich geschüttelt und dann in eine Zinkwanne oder auf ein Holztablett geworfen werden. Wer die höchste Zahl würfelt, gewinnt den vorher festgelegten Preis. Der Einsatz ist je nach dem Wert des Preises, um den geknobelt wird, und der Anzahl der Teilnehmer unterschiedlich. Meistens setzen die Beteiligten aber einen oder zwei Euro pro Person ein.

Sünnerklaas

Im Dezember freuen sich die Kinder auf zwei beliebte Gesellen, die ihnen Süßigkeiten und Geschenke bringen: „Sünnerklaas“ und „Wiehnachtsmann“.

Während der „Wiehnachtsmann“ (Weihnachtsmann) am 24. Dezember an die Türen klopft, überprüft der „Sünnerklaas“ (Nikolaus) bereits am 6. Dezember, ob die Mädchen und Jungen das Jahr über auch artig waren. Am Vorabend des Nikolaus-Tages (5. Dezember) legen die Kinder draußen einen Grünkohlzweig, Schwarzbrot und Kandis auf die Fensterbank oder stellen sorgfältig geputzte sowie mit Vollkornbrot, Äpfeln und Würfelzucker bestückte Stiefel vor die Tür. Diese Gaben sind für den Schimmel gedacht, auf dem der Sünnerklaas von Haus zu Haus reitet, um den Nachwuchs zu beschenken.

Am nächsten Tag ist die Freude bei den Kleinen groß, wenn sie die Süßigkeiten und kleinen Geschenke vorfinden. Und immer ist auch ein „Klaaskeerl“ darunter, ein aus Hefeteig geformtes und gebackenes Männchen, das eine Porzellanpfeife in den Armen hält und mit Rosinen verziert ist.

Knappkookjes/Neeijahrskooken
„Knappkookjes“ oder „Neeijahrskoken“ (Neujahrskuchen) sind eine ostfriesische Köstlichkeit, die es nur zum Jahreswechsel gibt. Das knusprige, aber zerbrechliche Gebäck, das aus einem Teig aus Mehl, „Kluntjes“ (Kandis), Wasser, Eier, Kardamom, Anis und einer Prise Salz besteht, wird in der Adventszeit mit einem speziellen Neujahrseisen gebacken. Die einzelnen „Kookjes“ werden in der Regel sofort, wenn sie vom Eisen genommen werden, aufgerollt und daher auch als „Rullkes“ serviert.

Schöfeln

Zu den winterlichen Aktivitäten der Ostfriesen zählt das „Schöfeln“ (Schlittschuhlaufen). Aufgrund der zumeist milden Witterung kann diese beliebte Sportart heutzutage allerdings nur noch selten ausgeübt werden. Sobald die Gräben, Kanäle und Seen geforen sind, schlüpfen Alt und Jung in die „Schöfels“ und gehen aufs Eis. Während die Kinder ihre Runden drehen oder Eishockey spielen, suchen sich die Erwachsenen gern Eisflächen aus, wo sie „Strecke“ machen können. Das heißt: Sie legen die Hände auf den Rücken, um dann leicht nach vorn gebeugt lange Wege über die vereisten Kanäle zurückzulegen.

Früher boten im tiefen Winter die zugefrorenen Kanäle für die Ostfriesen die einfachste und schnellste Möglichkeit, um in die Nachbardörfer zu gelangen. Im Mittelalter wurden die Schlittschuhe noch aus Fußknochen von Rindern hergestellt, die mit Lederriemen an den Schuhen befestigt werden mussten. Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann die sogenannten „Breinermöörkes“ (Breinermoorer) in Westoverledingen erfunden und produziert. Diese waren aus Metall und konnten unter jeden Schuh geschnürt und auf jede Schuhgröße eingestellt werden. Später entwickelte man dann die heutigen hochgeschnittenen Schlittschuhe, an denen die Kufen gleich befestigt sind.

Fotos:

Quelle: Ostfriesischer Kurier, Norden ; Magret Martens